Andersherum

Das ist ein Alltag, schrecklich.

Wir haben eine Wohnung im Auge im Prenzlauer Berg. Sie hat drei Zimmer, knapp hundert Quadratmeter und würde 600 Euro kosten -warm natürlich. Der erste Monat ist mietfrei, weil die Arbeiter den zweiten Balkon noch nicht ganz fertig gestellt haben. Vorhin rief der Vermieter an un flehte förmlich, wir sollten die Wohnung doch bitte, bitte nehmen. Die Provision vom Makler würde er selbstredend übernehmen und auf eine Kaution verzichten, wenn wir nur einzögen. Die anderen 127 Bewerber interessierten ihn gar nicht. Er wolle nur uns. Der Termin des Einzugs sei natürlich verhandelbar. Ich ließ mich nicht erweichen. Nein, so schnell wird er uns nicht überreden. Er bat, ob er denn wenigstens den von ihm bereits unterschriebenen Vertrag zusenden dürfe. Wir könnten dann ja in aller Ruhe noch überlegen. Ich tat ihm den Gefallen, man ist ja nicht so.

Mein Chef lässt mir auch keinen Frieden. Ob er den Vertrag aufstocken dürfe. Die Firma läuft einfach nicht, wenn ich einen Tag in der Woche fehle. Natürlich wird mein Gehalt sich erheblich verbessern, er sprach von 40%, plus Zulagen und einem dreizehnten Monatsgehalt. Na mal sehen, ich habe mir vier Wochen Bedenkzeit ausgebeten. Schließlich will der Chef meines Zweitjobs mich zum Teilhaber, das will gut überlegt sein. Mein Steuerberater rät mir ohnehin schon lange zur Selbständigkeit. Das würde bei meinen Nebenverdiensten sehr lukrativ sein.

Nachdem mich mein Bankberater, sie haben ihn extra für mich abgestellt, gestern am Telefon fragte, ob ich dem Dispo ohne Limit zustimmen würde, habe ich endgültig beschlossen, mein Handy auszustellen. Man kann sich nicht immer mit dem Kleinkram beschäftigen.

Um meine Webseiten kann ich mich auch kaum noch kümmern. Seit Google mich immer unter den Top 5 listet, komme ich aus dem Beantworten der Mails kaum noch heraus. Und alle wollen sie, dass ich veröffentliche, allein fünf Verlagsanfragen in der letzten Woche.

Ich glaube, ich werde mich einfach auf die kleine Finca auf Mallorca zurück ziehen, die die spanische Regierung mir wegen dieses EU-Projekts geschenkt hat. Und warten, bis der ganze Trubel hier sich wieder gelegt hat.

~ von Ele am Februar 1, 2008.

10 Antworten to “Andersherum”

  1. Das wäre sehr schade … Und weißt du was, du musst nicht mal was dazu sagen :)

    GLG
    Janice

  2. Gut, dann sage ich eben nichts… ;-)

  3. Warum eigentlich andersherum?
    Warum nicht soherum? Oder richtigherum?

    Lieber Ele,
    jetzt hoffe ich mal, da Du bestimmt nicht mehr selber liest,
    sondern wahrscheinlich Autoread 2.0 einsetzt mit der Autopurge-Option, dass man diese Zeilen, leicht zensiert Dir zutragen möchte.

    Wahrscheinlich wird man sie Dir vorlesen.
    Nein, die werden Dir ein Video drehen, das Du dann in Ruhe angucken kannst. Mit deutschen Untertiteln.

    Ich nehme auch an, dass dieser Dein Beitrag wohl von Autopost 3.7 erdacht worden ist.

    Ich wünsche Dir, dass Du nicht wie ceausescu endest :-)

    LG, Ulf

  4. Alter Schwan, Ele. Das läuft ja verdammt gut bei Dir!

  5. Lieber ulf, du hast natürlich völlig Recht. Als mein Privatsekretär mir deine Zeilen vorhin vorlas, dachte ich doch, dass ich ihm diese Antwort zur späteren Veröffentlichung diktieren könnte.
    Ceausescu wurde meiner Kenntnis nach erschossen, und so will ich natürlich keinesfalls enden. Erhängt werden wäre deutlich stilvoller. Allerdings bin ich erst noch am Aufbau der dafür notwendigen Diktatur inklusive Spitzelapparat und Terrorbrigaden. Die Zeit wirds richten.

    Überlegung: Vielleicht hätte der Titel lauten sollen “Parodie. Mein Alltag anders herum und gänzlich auf dem Kopf stehend dargelegt” ?!
    Aber andersherum war handlicher und außerdem hätte ich dann nicht so schicke Kommentare von euch bekommen.

    Björn bringts mal wieder auf den Punkt. Ja, läuft wirklich alles suuuper bei mir. Bin hin und her gerissen zwischen verzweifeltem Nervenzusammenbruch und Amoklauf. Obwohl: ließe sich das nicht verbinden?

  6. Parodie? Ich bin entsetzt.
    Heißt, die 50 Ele-Aktien, die ich vorhin gekauft habe, sind ihr Papier nicht wert?
    Ich hatte gehofft, ich könnte Dir nachfolgen.
    Erst vorhin habe ich im Internet erfahren, dass ich 1.000.000 Irgendwas-Clicker bin und durch Einzahlung von 500 Euro schon morgen früh einen BeEmWe vor der Haustür stehen habe.
    Ist das nich’n Glück.
    Grüße nach Malljjorcka,
    Ulf

  7. :-) Mensch das liest sich ja richtig toll. Jetzt stell dir vor du wärest nicht hin und her gerissen zwischen verzweifeltem Nervenzusammenbruch und Amoklauf – was sich durchaus in umgekehrter Reihenfolge verbinden ließe – dann wäre kein so positiv angehauchter Text entstanden. Es reizt mich nun regelrecht, für mich hier im stillen Kämmerlein, auch ein ähnliches Experiment zu wagen, also bevor ich Amok laufe und einen Nervenzusammenbruch erleide… ;-)
    Vielen Dank für die Anregung.

    Mit nicht diktierten Grüßen,
    Martina

  8. Ihr Lieben! Mallorca ist langweilig und auch gar nicht so warm. Meine Finca wird erweitert, der Pool war doch zu klein, und der Baulärm stört ungemein. Vermieter, Chefs und banker lassen mir auch hier keine Ruhe und ich habe also beschlossen, in die schönste Stadt der Welt zurückzukehren. Insofer: Ulf, zeichen ruhig Aktien, was das zeug hält. Von meinem Angebot bezüglich der Yahoo-Übernahme hast du ja gelesen, es wird also aufwärts gehen. Wie gewohnt. In einem Jahr schlucke ich dann Google.
    Und liebe Martina: Dieser Text ist wohl ein in freier Wildbahn herumlaufendes Exemplar der Gattung “Humoristwennmantrotzdemlacht”, welche im Berliner Kiez noch sehr häufig anzutreffen ist. Sie ähnelt ein wenig der Spezies “Zweckoptimismus”, hat mit dieser allerdings wenig gemein.
    Ich kann Experimente in dieser Richtung nur empfehlen, schon weil man die Mordlust besser unter Kontrolle hat, wenn man ausnahmsweise mal über sich selber lacht.
    Lieber Gruß, Ele

  9. Microsoft schluckt Yahoo, Ele schluckt Google. Microsoft ist Panisch und kauft Skype und AIM. Merkt nicht dabei, dass sie letzteres schon besitzen …. Naja, danach kauft Amazon Microsoft und Ele’s Firma und alles ist wieder in Ordnung ;)

    LG
    Janice (kommt eben von Macnews.de)

  10. Ich liebe den Prenzlauer Berg!
    :-) )

    Dieser Bezirk ist voller Leben. Ganz gleich, zu welcher Tages oder Nachtzeit man aus einer Hinterhofwohnung, in der noch alte, wertvolle Kachelöfen stehen, die Geschichten von längst vergangenen Zeiten erzählen, auf die Straße tritt…. es finden sich bunte Menschen ein. Künstler, gescheiterte Existenzen, ab und an ein protziger Wagen, Unmengen an Dönerständen… eben einfach Leben.

    Manchmal weine ich der Zeit hinterher, die ich dort verleben durfte.

    Grüße
    Heike

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