Lebensträume

Belustigt sieht er auf. Der Mann, der ihm gegenübersitzt, kritzelt konzentriert Notizen auf das Blatt, welches vor ihm liegt. Vielleicht malt er auch nur Strichmännchen oder eine dieser merkwürdigen Zeichnungen, die manche Menschen anfertigen, während sie telefonieren.
Weshalb er noch suche. Ihm bleibt förmlich die Spucke weg, sein Mund ist trocken und er empfindet eine seltsame Mischung aus dem Impuls sich zu räuspern und einem veritablen Würgreiz. Er entscheidet sich für das Räuspern. Sein Gegenüber sieht auf. “Nun?” “Sie fragten mich, weshalb ich noch eine Arbeit suche, weshalb ich es noch nicht aufgegeben habe? Weshalb ich noch zu Ihnen komme und mich nicht damit abfinde, nicht einfach zuhause bleibe und mich über ihr Geld freue? Wenn ich Sie richtig verstanden habe?” “Nun ja, so habe ich es wohl nicht formuliert.” “Nun gut. Aber sehen Sie, nehmen wir an, Sie hätten es so gemeint, dann möchte ich Ihnen die Antwort trotzdem nicht schuldig bleiben.” Sein Gegenüber legt den Stift weg und sieht ihm in die Augen. Ein wenig Neugier ist in ihnen zu lesen, gepaart sicherlich mit einem guten Stück Verwunderung. “Sehen sie, es ist nicht so, dass ich mich das nicht selbst schon gefragt hätte. Ich habe so vieles gearbeitet in meinem Leben. Ich war Teppichleger, war Zimmermann, ich habe studiert, bin Ingenieur, war Lehrer an einer Berufsschule. Sie wissen das ja alles.” Ein Nicken. “Also um es kurz zu machen: Es ist mein Herz. Was immer ich anfasste, es war von kurzer Dauer. Sehen Sie, ich war nie schlecht in meinen Berufen, ich war angesehen und beliebt. Und ich habe den Mund aufgemacht. Was mich immer wieder den Job kostete war ja vor allem meine Neugier. Da war mehr, etwas anderes, etwas besseres. Das habe ich gesucht oder es hat mich gesucht, wer weiß das schon. Immer ging es weiter, immer ging es voran, ich habe mich hoch gearbeitet. Und dabei, das kann ich sagen, habe ich Menschen helfen können. Ich war Betriebsrat, ich war Ansprechpartner, habe die Kinder von Kollegen mit Lehrstellen versorgt, war dann Lehrer -ein guter!- und habe immer, immer, versucht, möglichst vielen Menschen zu helfen.” Der andere nickt. “Bis Sie dann Ihre Stelle aufgrund von Alkoholproblemen verloren.” Ein kurzes Schweigen. Jetzt einfach aufstehen und gehen. Ohne eine Wort. Er tut es nicht. Nicht schon wieder. “Nein, so ist es nicht. Ich habe meine Stelle wegen des Alkoholproblems verloren, ja, aber die Ursache lag tiefer. Die Frustration, sehen Sie, lag ganz woanders. Ich wollte immer helfen, wollte beeinflussen, wollte etwas zurück geben. Und in der Schule angekommen gelang mir das zunehmend schlechter. Die Schüler entglitten mir, das Kollegium empfand mich als Fremdkörper und ich konnte immer weniger, jeden Monat weniger, GEBEN. Verstehen sie.”
“Nein, ehrlich gesagt verstehe ich das gar nicht. Viele Menschen ermüden in ihrem Alltag oder verlieren Elan. Das ist doch normal. Ich sehe Ihr Problem nicht.” “Sehen Sie: genau da ist das Problem. Ich ermüde nicht. Ich verliere Kontakt, ich verliere Effizienz, ich verliere Kraft. Aber ich ermüde nicht. Bis heute. Und auch wenn ich keine Arbeit habe und auch wenn ich keine mehr bekomme und auch wenn ich für Sie gescheitert bin: Ich fühle mich nicht so. Das Leben, mein Leben, hat mich gelehrt, dass ich Menschen etwas geben kann, sie ermutigen kann. Diese Erfahrung vergisst man nicht. Was wenn ich einer der Menschen bin, die in ihrem Leben einen Unterschied ausmachen, die etwas hinterlassen. Was wenn ich einer von denen bin, die die Chance haben, etwas zu verändern? Im Kleinen wie im Großen? Und die soll ich wegwerfen? Nur weil ich schon fast sechzig bin? Ohne es wirklich versucht zu haben?”
Sie sind 59, Ingenieur und Berufsschullehrer, der wegen Alkoholproblemen entlassen wurde. Was wollen sie? Gehen Sie nach Hause, hören Sie. Gehen Sie nach Hause, freuen Sie sich über das Geld, das Sie erhalten und engagieren Sie sich privat für etwas.”

Das Gespräch ist beendet, er steht auf. Ein kurzer Händedruck. Beim Verlassen des Gebäudes denkt er kurz zurück. Er denkt an die Chancen, genutzt wie ungenutzt, an die Menschen. Nein, das kann es nicht gewesen sein. Das darf es nicht gewesen sein. Er hat noch etwas zu geben. Was, wenn er doch einer von denen ist. Wenn er noch etwas bewirken kann, etwas verändern, denkt er, als er auf die Straße tritt und sich neben dem Schild vor dem Eingang eine Zigarette anzündet. Er bleibt kurz stehen und blickt auf das Schild. Darauf steht: “Arbeitsamt”

~ von Ele am März 30, 2008.

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